Bericht der Schwäbischen Zeitung Laupheim vom 9.12.2013: Die Ehinger Basis schickt grünes Licht nach Berlin

EHINGEN – Als Frank-Walter Steinmeier, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, mit einer dunkelblauen Mercedes-Benz S-Klasse kurz nach 10.30 Uhr vor die Ehinger Lindenhalle gefahren wird, herrscht kein Trubel. Steinmeier steigt aus, streckt sich, läuft, begleitet von zwei Männern mit Knopf im Ohr, in die Halle.

Es gibt kein Begrüßungskommando für den Mann, der noch gut 25 Minuten Zeit hat, bevor er vor die Basis tritt. Steinmeier verschwindet in einem Nebenzimmer. Langsam aber sicher füllt sich derweil der kleine Saal der Lindenhalle. Hilde Mattheis, die hiesige SPD-Bundestagsabgeordnete, läuft die Treppe hoch, ebenso Martin Gerster, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Biberach, Katja Mast, die Generalsekretärin der SPD in Baden-Württemberg.

Auch Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner, das Urgestein der SPD in der Region, nimmt in der ersten Reihe Platz. Dahinter sitzt die Basis. Menschen vom Bodensee, aus Ulm, Ehingen, Laupheim, Erbach, Blaubeuren, Reutlingen, Singen – die Basis aus dem Süden der Republik quasi.

„Hallo, guten Morgen“, sagt Steinmeier und betritt den kleinen Saal. Applaus brandet auf. Hilde Mattheis geht an das Rednerpult, begrüßt die lokalen SPD-Granden und verliert ein paar Worte über die Wahl. „Wir haben vereint einen Wahlkampf gemacht. Das Ergebnis ist nicht so ausgefallen, wie wir es uns gewünscht haben. Jetzt ist klar, dass wir uns vor der Kommunalwahl keine Pause gönnen dürfen“, ruft Mattheis in den Saal und betont: „Wir müssen nun beim Mitgliedervotum Respekt vor der Meinung des anderen haben und alles mit Ruhe und Gelassenheit angehen.“

Nach der Regionalkonferenz wird Mattheis der Presse allerdings erklären, dass sie dem Koalitionsvertrag nicht zustimmen kann – eine Aussage, die allerdings wenig überraschend ist. So wie Mattheis vom linken Flügel der Partei denken auch viele an der Basis – und sind deswegen nach Ehingen gekommen, um sich von Steinmeier überzeugen zu lassen, doch noch pro Koalition mit der Union zu stimmen.

Und Steinmeier gibt während seines rund 100-minütigen Auftritts in Ehingen alles. Die SPD müsse nun die Ernte des Wahlkampfes einfahren, um diese nicht anderen zu überlassen. „Beim Blick auf das Gesamte bleibt auch was für uns Sozialdemokraten“, hämmert er seiner Basis in Sachen Große Koalition ein und sagt: „Die Kernforderungen der SPD sind im Koalitionsvertrag. Das halte ich für einen riesen Erfolg.“

Steinmeier zählt auf: „Mindestlohn bei 8,50 Euro, Rente ab 63 ohne Abschläge, der Missbrauch von Werkverträgen wird eingedämmt.“ Punkte, die bei den Genossen im Saal für Applaus sorgen. Steinmeier redet weiter, gewohnt mit einer geschliffenen Rhetorik, erklärt die Verhandlungen mit der Union, die Standpunkte der SPD (siehe Artikel „Wir im Süden“) und macht Werbung für den Koalitionsvertrag wie ein Autohändler für sein neuestes Modell.

Als Steinmeiers Rede zu Ende ist, klatschen die Genossinnen und Genossen ihrem Chef im Bundestag zu. Sogar kleine Jubelschreie aus der überschaubaren Menge sind zu hören.

Dann heißt es „Feuer frei“ für Fragen, Anregungen, Sorgen und Befürchtungen aus der Basis. Ein Liebherr-Mitarbeiter berichtet davon, dass seine Kollegen höchst unzufrieden sind, weil die SPD die Probleme nur weiterschiebe. Weil es noch immer ein Zwei-Klassen-System im Gesundheitswesen gebe und die SPD nichts daran ändere. „Ich schäme mich als Sozialdemokrat“, sagt der Mann, der zwischenzeitlich von seinen Genossen Buh-Rufe ernten musste.

Mehr SPD drin

Für Lutz Deckwitz, stellvertretender Vorsitzender des Ehinger Ortsvereins, war es indes ein guter Auftritt Steinmeiers. „Ich war ganz am Anfang gegen die Große Koalition. Als ich dann aber den Koalitionsvertrag überflogen hatte, war viel mehr SPD drin, als ich erwartet habe. Die SPD stellt sich ihrer Verantwortung und bekommt durch das Mitgliedervotum sogar die Chance auf eine große Öffentlichkeit“, so Deckwitz, der jedoch einen fast gespaltenen Ortsverein (rund 70 Mitglieder) hinter sich hat. „Es gibt einige Mitglieder, die gegen die Große Koalition sind, aber dennoch dafür stimmen werden, weil sie der Partei nicht in den Rücken fallen möchten. Wir können aus Ehingen ein positives Signal nach Berlin schicken.“

Ähnlich positiv ist auch das SPD-Urgestein Klärle Dorner aus Griesingen eingestellt: „Steinmeier hat die Basis überzeugt. Die Genossen brauchen keine Angst vor der Großen Koalition haben. Ich war zu Beginn auch sehr skeptisch, jetzt sehe ich die Sache positiv.“

Nicht mehr Mitglieder

Georg Mangold, SPD-Fraktionsvorsitzender im Ehinger Gemeinderat, hat sich vor Steinmeiers Auftritt ebenso bedeckt gezeigt, wie danach. „An meiner Entscheidung hat dieser Auftritt nichts geändert. Ich bin nicht mit einem Nein im Kopf reingegangen und mit einem Ja wieder raus“, sagt Mangold. Dennoch sei Steinmeiers Auftritt für Mangold das „i-Tüpfelchen gewesen“. „Ich werde öffentlich nicht sagen, wie mein Votum ausfällt“, erklärt Mangold, der betont, dass seit der Zeit des Mitgliedervotums „kein Mensch in Ehingen in die Partei eingetreten ist“.

Quelle: Schwäbische Zeitung Laupheim, Tobias Götz, 9. Dezember 2013

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